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    7 months ago

    Darauf geht Herr Urbaniok ein:

    Zunächst zum „Touristen“-Argument. Die Anzahl der tatverdächtigen Touristen und anderer Ausländer, die nicht in der Wohnbevölkerung erfasst werden, ist viel zu gering, um die drastisch erhöhten Quoten einzelner Nationen bei bestimmten Delikten zu erklären.

      • dreamless_day@feddit.orgOP
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        7 months ago

        Bei den „nichtmigrantischen“ ausländischen Tatverdächtigen geht es durchaus um eine relevante Gruppe. Laut PKS hatten im Jahr 2024 insgesamt 9,6 Prozent der ermittelten ausländischen Tatverdächtigen – ohne ausländerrechtliche Verstöße wie Einreise und Aufenthalt ohne erforderliches Visum oder Aufenthaltstitel – ihren Wohnsitz im Ausland.

        https://www.bpb.de/themen/innere-sicherheit/dossier-innere-sicherheit/301624/migration-und-kriminalitaet/

        • squaresinger@lemmy.world
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          7 months ago

          Also hat der gute Mann da doch einfach glatt gelogen. Wer hätte das denn erwartet?

          9.6% ist da jetzt echt nicht wenig.

          • dreamless_day@feddit.orgOP
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            7 months ago

            Reicht aber wahrscheinlich nicht um auf diese Zahlen zu kommen:

            Sie listen Herkunftsstaaten auf, die bei Delikten wie Raub, Körperverletzung oder Sexualstraftaten im Verhältnis zu deutschen Tatverdächtigen extrem überrepräsentiert sind. Welche Länder sind das?

            Länder aus Osteuropa sowie arabische und afrikanische Staaten. Afghanische Tatverdächtige sind zum Beispiel um 974 Prozent überrepräsentiert bei Sexualdelikten und um 723 Prozent bei der gefährlichen Körperverletzung. Syrer bei der gefährlichen Körperverletzung um 667 Prozent und um 517 Prozent bei den Sexualdelikten. Algerier stehen bei den gefährlichen Körperverletzungen an erster Stelle: Sie sind mit 3443 Prozent über­repräsentiert.

            Das klingt kompliziert. Was heißt es genau?

            Nehmen wir an, Tatverdächtige aus einem bestimmten Land weisen bei Sexualstraftaten ein Plus von 150 Prozent auf. Diese Tatverdächtigen treten dann mehr als doppelt so häufig in Erscheinung als deutsche.

            Der Anteil an Touristen in den o.g. Menschengruppen wird vermutlich auch wesentlich geringer sein als 10%

            • squaresinger@lemmy.world
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              7 months ago

              Ja, dann muss man hier noch mal etwas mehr Statistikverständnis drin haben.

              Wir reden hier von insgesamt ziemlich geringen Zahlen. So geht es hier z.B. um:

              • ~650 Fälle von Sexualstraftaten mit afghanischen Tatverdächtigen
              • ~5700 Fälle von gefährlicher oder schwerer Körperverletzung mit afghanischen Tatverdächtigen
              • ~800 Fälle von Sexualstraftaten mit syrischen Tatverdächtigen
              • ~12000 Fälle von gefährlicher oder schwerer Körperverletzung mit syrischen Tatverdächtigen
              • ~40 Fälle von gefährlicher Körperverletzung mit algerischen Tatverdächtigen

              Bei so geringen Zahlen greift das Gesetz der Großen Zahlen noch nicht.

              Das Gesetz der Großen Zahlen bedeutet, dass sich ein Zufallswert erst bei genügend Wiederholungen einem Erwartungswert annähert. Nimm z.B. einen normalen 6-seitigen Würfel. Im Durchschnitt erwartet man, dass der Würfel 3.5 als Ergebnis liefert. Wenn ich den Würfel tausende Male würfel und den Durchschnitt nehme, dann wird der Durchschnitt auch sehr nahe an 3.5 liegen.

              Würfel ich den Würfel hingegen nur ein Mal, dann zeigt der Würfel z.B. eine 1. 1 ist sehr weit von dem Erwartungswert weg. Das heißt aber nicht, dass der Erwartungswert falsch ist, sondern dass ich ein sehr zufälliges Ergebnis sehe.


              Nimm als Extrembeispiel hier die Algerier. In Deutschland leben laut Wikipedia gerade mal 520 Algerier (Zahl von 2023). Das sind extrem wenige. Genauso ist die absolute Anzahl von 40 gefährlichen Körperverletzungen richtig wenig. Das ist eine Zahl die so niedrig ist, dass drei oder vier gewalttätige Leute ausreichen um diese 40 gefährlichen Körperverletzungen an einem einzigen Tag hin zu bekommen.

              Das heißt also nicht, dass Algerier prinzipiell gewalttätig sind, sondern dass diese winzige Gruppe eben zufällig ein paar gewalttätige Individuen beinhaltet.


              Um es jetzt noch mal anders zu verdeutlichen: Nimm ganz Deutschland. Teile alle Einwohner völlig zufällig in Gruppen aus 1000 Leuten auf. Damit hat man jetzt ~84 000 Gruppen. Erhebe wie viele Leute von welcher Gruppe straffällig geworden sind. Du wirst automatisch sehen, dass manche dieser Gruppen extrem überrepräsentiert sein werden und andere Gruppen werden wahrscheinlich gar keine Verbrechen begangen haben.

              Um das zu demonstrieren habe ich hier ein kleines Python-Script gebastelt, welches exakt das tut: Es nimmt die Bevölkerung Deutschlands, die Anzahl an schweren Körperverletzungen und Sexualstraftaten, verteilt die zufällig über die simulierte Bevölkerung, teilt die Bevölkerung in 1000-Personen-Chunks auf und vergleicht dann, wie viele Straftaten in welcher Kategorie welcher Chunk begangen hat.

              Und komplett ohne dass ich da irgendwelche Konzepte wie Nationalität, Ethnizität, Religion, soziale Klasse, Ausbildung, Geschlecht oder sonst irgendwas einfließen hab lassen (man könnte sagen das Programm ist vollständig diskriminierungsfrei), kriege ich da diese Werte raus (Werte variieren, da Zufall verwendet wird):

              Total number of chunks: 84552
              Chunks with no crime:   11057
              Most overrepresented violent chunk:     534%
              Most overrepresented sex crime chunk:   3173%
              Most overrepresented total crime chunk: 493%
              

              In diesem Fall hat es also ~11000 Chunks (=11 mio Leute) gegeben, in denen niemand ein Verbrechen begangen hat, während es einen Chunk gegeben hat, der 534% überrepräsentiert war bei schwerer Körperverletzung und einen der sogar 3173% überrepräsentiert war bei Sexualverbrechen.

              Je kleiner die Zahlen sind um die es sich handelt, desto zufälliger wird das Ergebnis.


              Edit: Mache ich die Chunk Size so klein wie die Anzahl der Algerier in Deutschland (520), dann wird das Ergebnis noch extremer:

              Most overrepresented violent chunk:     822%
              Most overrepresented sex crime chunk:   4882%
              Most overrepresented total crime chunk: 758%
              
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                7 months ago

                Danke für die Ausführen, erstes Semester Statistik ist schon ne Weile her :D

                Du hast auf jeden Fall einen Punkt damit, dass grade bei den kleinen Gruppen auch statistische Effekte Auswirkungen haben. Die PKS wird aber jedes Jahr erhoben und es die Überrepräsentation lässt sich über Jahre verfolgen.

                Wenn man etwas rauszoomt und die gesamten verurteilten Straftäter anschaut kommt man auch zu einer deutlichen Überrepräsentation von Ausländern.

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                  7 months ago

                  Es gibt noch ne ganze Reihe weiterer Punkte die dagegen sprechen die PKS als Quelle für die Messung tatsächlicher Kriminalität zu verwenden. Die meisten sind hier eigentlich ganz gut zusammengefasst: https://erik-marquardt.eu/warum-sich-die-kriminalstatistik-nicht-fuer-politische-diskussionen-eignet/ (geht auch um den Anstieg der 2023 verzeichnet wurde aber auch allgemein um die schwächen der PKS)

                  Den wichtigsten Absatz aus dem sich alles andere ableiten lässt ist eigentlich der hier:

                  Der Professor für Strafrecht Tobias Singelnstein bezeichnet es als „bizarr“, wie sehr die Zahlen jedes Jahr überinterpretiert werden. Laut ihm ist die PKS ein Tätigkeitsbericht der Polizei, mehr nicht. Darin werden alle Verdachtssituationen erfasst, die der Polizei bekannt werden – in der Regel durch private Anzeigeerstattung. Die Statistik spiegelt also nur das wider, was die Polizei sehen kann und erfassen will.

                  Hier ein Link wo der Prof länger zu dem Thema interviewed wird, das ist auch die Quelle zu dem Absatz oben: https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2024-04/kriminalstatistik-kriminologie-tobias-singelstein-gewalt

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                  7 months ago

                  Du hast auf jeden Fall einen Punkt damit, dass grade bei den kleinen Gruppen auch statistische Effekte Auswirkungen haben. Die PKS wird aber jedes Jahr erhoben und es die Überrepräsentation lässt sich über Jahre verfolgen.

                  Bedenke, im Gegensatz zu meiner Simulation werden in Echt die Gruppen nicht jedes Jahr komplett neu durchgewürfelt.

                  Gibt es z.B. eine kleine Gruppe an gewalttätigen Algeriern, die jedes Jahr sich auf’s Neue mit irgendwem prügeln, dann werden die auch im nächsten Jahr noch existieren.

                  Bedenke auch, dass die PKS nur Tatverdächtige zeigt (z.B. nach Anzeigen), nicht aber Verurteilte. Das heißt, der gleiche Mensch kann immer wieder (fälschlicherweise) Tatverdächtiger werden ohne ins Gefängnis zu wandern.