Spoilerwarnung

Ich werde hier nach und nach meine Reviews für die Kurzgeschichten aus Halfway to better als Kommentare hinterlassen. Hinweis: Ich hab diesmal das Buch ausnahmsweise als Hörbuch gehört. Das hat die Auswirkung, dass ich die Namen der Charaktere nie gelesen habe und sie nicht nachschlagen kann. Ich habe daher relativ häufig umschrieben oder geschätzt wie der Name geschrieben sein könnte.

Freue mich wie über über euren Senf zu meinem Senf.

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    6 days ago

    Review Tombs without Bodies

    Eine junge Bewohnerin des “Greenbelts” geht in das Gebiet der 99er, um dort “Reparationen” in Form von Batteriepacks aus Robotern zu holen. Sie wird dabei von einer Gruppe Roboterhunden gefangen genommen und eingesperrt und erst aus ihrer Haft entlassen als sie jemand “gekauft” hat. Dieser jemand ist ein 99er, der sie offensichtlich missbrauchen will und wenn man seinen Sexroboter betrachtet, sadistische Neigungen hat (nicht auf die BDSM-Art, sondern auf die nonkonsensuelle Art). Sie kann ihn zwar für den Moment überwältigen, aber sich nicht befreien. Erst als ein Feueralarm ausgelöst wird, und das Gebäude evakuiert werden muss, verlassen die beiden das Gebäude. Draußen stellt sich heraus, dass der Feueralarm durch Verbündete aus dem Greenbelt ausgelöst wurde, die den 99er niederschlagen und sie befreien. Sie kehrt in ihre Gemeinschaft zurück und integriert sich so gut sie kann wieder in ihr Leben, auch wenn die letzten Tage sichtbare Spuren hinterlassen haben.

    Diese Geschichte hat mir von denjenigen aus dem Buch bis jetzt am wenigsten gefallen. Das mag zum einen daran liegen, dass die Grundstruktur des Plots mich stark an Tower Girls erinnert, zum anderen mag ich den Blickwinkel der Geschichte nicht. Wir haben auf der einen Seite wieder eine etablierte Solarpunk-Gemeinschaft (in der dritten Generation), auf der anderen Seite eine moralisch verkommene Stadtbevölkerung, die ihre Arbeit von Robotern erledigen lässt.

    Das Leben der Hauptperson in ihrer Gemeinschaft ist von Arbeit und Lernen geprägt. Sie wirkt regelrecht getrieben.

    Der 99er scheint niemals arbeiten zu müssen. Die Arbeit wird von Robotern erledigt. Die Menschen selbst leben in einer Art Luxus. Gleichzeitig erledigen sie ihre soziale Interaktion aber offensichtlich auch eher mit Robotern als miteinander (siehe: Sexroboter). Sie sind isoliert von anderen Menschen, ohne Gemeinschaft und haben offensichtlich verlernt auf die Bedürfnisse anderer Menschen zu achten. Den 99ern fehlt jeglicher Humanismus. Somit ist es für den 99er auch moralisch überhaupt nicht verwerflich die Hauptperson zu “kaufen” und dabei nur an sich und seine Interessen zu denken. Das Verhalten wirkt soziopatisch.

    Ich mag zum einen nicht, dass die Geschichte so technopessimistisch ist. Susan Kaye Quinn hat in der Hörbuchversion am Ende immer ein paar kurze Anmerkungen (ich weiß nicht ob das in der gedruckten Version auch so ist) und sagt in etwa, dass sie nicht glaubt, dass Technologie uns als Menschheit retten wird, sondern eher das Problem ist, das uns in Klimawandel und co manövriert hat. Die schlussendliche Konsequenz aus dieser Denkweise ist, dass “Technolgie doof und je weniger Technologie desto guter”. Als Person, die nichts mit Anarchoprimitivismus anfangen kann, kann ich mit dieser Logik wenig anfangen. Meiner Meinung nach kommt es viel mehr darauf an, was wer mit der Technologie macht (und machen kann) und wem die Technologie gehört. Sind Deepfake-Kinderpornos von Grok erstellt mithilfe riesiger Datencenter unter massivem Energieverbrauch ein großer Haufen Scheiße? JA! Aber sind Dinge wie: Linux, das Fediverse mit Mastodon und Feddit auf dem sich Menschen zu coolen Ideen, die uns allen weiterhelfen könnten und auf denen sich Menschen gleichberechtigt austauschen können ziemlich cool? AUCH JA! Dasselbe gilt auch für Roboter. Mag ich meinen Staubsaugerroboter weil er mir ein kleines bisschen der Arbeit abnimmt (auch wenn nicht perfekt)? Ja! Wenn es free open source Roboter gäbe, die uns einen Teil der nervigen Arbeit abnähmen, fände ich das absolut cool (solange die Technologie allen gehört und alle Zugriff auf die Technologie haben). Wenn ich jetzt mal von mir ausgehe: Ich fände auch dann noch sehr viel womit ich meinen Tag füllen könnte, wenn ich nicht/weniger Wäsche waschen, kochen, putzen etc müsste. Plus ein weniger an care-Arbeit kommt halt auch vor allem FLINTA zugute (nicht, dass ich eine Ungleichverteilung an care-Arbeit gut finde, aber sein wir realistisch). Ich glaube nicht, dass wir alle zu isolierten, vollkommen verzogenen, soziopatischen Hoschis werden würden, nur weil das Gröbste an Arbeit von Robotern erledigt wird. Es ist wichtig zu fragen wer die Zugänge zu und Kontrolle über solche Technologien hat. Aber ein Technologie ist doof, weil man sie missbrauchen kann, finde ich sehr dualistisch und kurz gedacht. Ich glaube, dass wir irgendwann in Zukunft sogar sinnvolle LLMs haben könnten (auch wenn gerade sehr viel von dem was wir mit LLMs machen meiner Meinung nach ziemlicher Mist ist).

    Das andere was micht stört ist, dass sie einfach befinden, dass der 99er und damit alle 99er verlorene Fälle sind. Das ist meiner Meinung nach erstens wieder sehr reduktiv, und zweitens Quatsch. Die Großväter, die den Greenbelt gegründet haben, stammen genau aus dieser Stadt. Offensichtlich ist es also möglich zu checken, dass das was in dieser Stadt getrieben wird Mist ist und etwas besseres aufzubauen. Es erinnert mich an die Star Wars Sequels, in denen Luke Kylo Ren einfach als verlorenen Fall abstempelt und gut ist (nachdem er in Darth Vader noch Gutes gesehen und ihn “bekehrt” hatte, anderer Rant für eine andere Zeit). Das Ganze macht die Geschichte für mich zu dualistisch. Wir im Greenbelt sind die GutenTM und die 99er sind die BösenTM. Deshalb ist es völlig okay, wenn wir deren Eigentum zerstören, um unsere Gesellschaft voranzubringen. Wir haben mit einem 99er über wenige Stunden interagiert und schlussfolgern daraus, dass alle 99er verlorene Fälle sind (gut, eine Person aus dem Rettungsteam war offensichtlich in Gefangenschaft eines 99ers und hat ein Trauma davon davongetragen, aber die Stichprobengröße bleibt damit halt 2). Ich fände eine Geschichte in der die beiden verschiedenen Kulturen voneinander profitieren viel interessanter. So bleibt es sehr oberflächliches gut/böse blabla