Spoilerwarnung
Ich werde hier nach und nach meine Reviews für die Kurzgeschichten aus Halfway to better als Kommentare hinterlassen. Hinweis: Ich hab diesmal das Buch ausnahmsweise als Hörbuch gehört. Das hat die Auswirkung, dass ich die Namen der Charaktere nie gelesen habe und sie nicht nachschlagen kann. Ich habe daher relativ häufig umschrieben oder geschätzt wie der Name geschrieben sein könnte.
Freue mich wie über über euren Senf zu meinem Senf.


Planting the Shell-Bones
Ich glaube ich mag einfach die Figuren, die Susan Kaye Quinn entwirft. Eine 70-Jährige die einen Leuchtturm besetzt hat ist einfach cool. Sie ist klar als Einzelkämpferin gezeichnet. Keine Familie und Freund*innen mehr, keine direkte Wohnadresse und insgesamt eine eher ablehnende Haltung gegenüber anderen Menschen. Die Leuchtturmbewohnerin hat sich ein Versteck in selbigem aufgebaut, das sie bei Nebel in einem kleinen Elektro-Schlauchboot verlässt. Sie tauscht mit Krähen Muschelschalen gegen Nahrung (ich glaube mit Krebsen auch, den Teil habe ich nicht ganz verstanden). Ich liebe, dass die Intelligenz von Krähen und ihre Fähigkeit so etwas wie Freundschaft mit einem Menschen zu schließen Teil einer Geschichte ist. Die Muschelschalen schüttet sie eimerweise um den Leuchtturm auf und schafft so neuen Grund auf dem sich Austern (oder andere Muscheln) entwickeln können, die damit das lokale Ökosystem wiederbeleben. Dabei lebt sie im konstanter Angst von der Küstenwache entdeckt zu werden.
Die Welt in der die Hauptperson lebt, ist deutlich negativ von menschlichem Handeln gezeichnet. Der menschengemachte Klimawandel hat den Meeresspiegel stark ansteigen lassen, die örtlichen Seegründe sind leergefischt und das ehemalige Ufer steht unter Wasser. Der Leuchtturm ist alt und verfallen. Er wurde mehrmals versetzt um nicht dem steigenden Wasser zum Opfer zu fallen, ist aber letztendlich aufgrund von GPS etc obsolet.
Eines Tages bemerkt die Leuchtturmbewohnerin, dass sie bei einer nebligen Ausfahrt nicht allein auf dem Wasser ist. Sie befürchtet erst dass sich ein Hai oder dergleichen in die Gewässer verirrt haben könnte.
Sie schafft es in ihren Leuchtturm, dieser wird jedoch kurz darauf von einem jungen Mann betreten. Ihre Befürchtung ist eingetreten und die Küstenwache hat sie gefunden. Der junge Mann möchte sie vom Leuchtturm wegbringen, weil ein Sturm aufzukommen droht. Die Hauptperson ist dem Küstenwächter gegenüber enorm skeptisch. Sie befürchtet, dass sie nie wieder zu ihrem Leuchtturm zurückkehren kann, wenn sie diesen jetzt verlässt.
An dieser Stelle merkt man stark die gesellschaftskritische Haltung der Hauptperson. Sie ist Behörden gegenüber enorm misstrauisch (was bei einer anzunehmenden Sozialisierung in einer kapitalistischen Gesellschaft jetzt erstmal nichts überraschendes ist, vor allem wenn man einen Leuchtturm illegal besetzt). Sie hat nichts wofür es sich aus ihrer Sicht lohnen würde an Land zurückziehen. Sie hat seit über einem Jahr offenbar weitgehend oder vollständig ohne menschliche Kontakte gelebt und lebt ein selbstgewähltes Eremitinnendasein. Der junge Küstenwächter offenbart, dass er auch schon seit diesem Jahr von ihrer Existenz weiß und weiß, was sie für die örtliche Fauna tut. Er hat sie nicht “verpfiffen” und ist offensichtlich nur gekommen, um sicherzustellen, dass sie nicht durch den Sturm umkommt. Er macht ihr das Angebot ihr Umweltengagement auf offiziellem Weg weiterzuführen. Sie könnte Förderung erhalten und ihre Arbeit vor Ort fortsetzen. Wenn sie mag auch unterstützt durch weitere Personen.
Der Plot twist ist meiner Meinung nach also, dass mindestens Teile der Gesellschaft weiter sind, als die Leuchtturmbewohnerin es befürchtet hat. Er macht ihr das Angebot ihre Arbeit als Teil einer Gemeinschaft fortzusetzen. Man merkt, dass sich die Einzelkämpferin mit dieser Idee schwer tut. Ihre Arbeit wäre durch die Mithilfe durch andere Personen und das sich nicht mehr verstecken müssen deutlich effektiver. Sie bleibt gleichzeitig misstrauisch (es wird ja auch nie aufgelöst ob zurecht).
Nachdem Gemeinschaft ein signifikanter Teil von der Solarpunk-Idee ist, ist die Antwort aus Sicht der Autorin klar. Aber die Frage ist trotzdem spannend: Wann lohnt es sich Dinge allein zu tun, wann als Gemeinschaft?