Angst vor Büchern: Weshalb wir Anarchist:innen nicht lesen
Video: youtube.com/watch?v=pgPFkySgs-…
»Anarchisten lesen nicht, Anarchisten haben keine Theorie« – dieses alte Insider-Meme der gesellschaftlichen Linken hält sich hartnäckig. Wer wissen will, wie Politik funktioniert, greift zu Marx, Lenin oder Gramsci. Der Anarchismus gilt bloß als das chaotische Bauchgefühl der Bewegung. Dieses Vorurteil ist jedoch keine harmlose Lästerei. Es kaschiert die historische Tatsache, dass hier eine gigantische, globale Bibliothek nicht etwa vergessen, sondern im Zuge von vier großen Repressionswellen gezielt vernichtet wurde.
Die vier Wellen der Zerschlagung
Die Vorstellung, Anarchisten hätten im Vergleich zum Marxismus kaum Texte produziert, ist historisch absurd. Zwischen 1870 und 1939 existierte eine unfassbar produktive, weltweite Publikationslandschaft, die systematisch ausgelöscht wurde:
Die Erste Welle (Frankreich nach 1871): Nach der blutigen Niederschlagung der Pariser Kommune kriminalisierten die »Schurkengesetze« von 1893/94 anarchistische Schriften direkt. Der Besitz von Texten wurde unter Strafe gestellt, Druckereien wurden geschlossen, Auflagen vernichtet.
Die Zweite Welle (Russland nach 1921): Im Schatten der russischen Revolution liqudierten die Bolschewiki die anarchistische Opposition. Die bäuerliche »Machnowschtschina« in der Ukraine wurde militärisch zerschlagen, der Matrosenaufstand von Kronstadt im Blut ertränkt. Unter Stalin verschwand die gesamte Tradition in den ersten Gulags.
Die Dritte Welle (Die europäischen Faschismen): In Italien zerschlug Mussolini ab 1922 die anarchosyndikalistische Gewerkschaft USI mit ihren 500.000 Mitgliedern. In Deutschland ermordeten die Nazis 1934 Erich Mühsam im KZ Oranienburg und beschlagnahmten das Erbe der FAUD. In Spanien vernichtete die Franco-Diktatur ab 1939 die Strukturen der 1,5 Millionen Mitglieder starken CNT und verbrannte deren Bibliotheken.
Die Vierte Welle (Lateinamerika): Die brutalen Militärjuntas der 1970er Jahre in Argentinien, Brasilien und Uruguay ließen Zehntausende Gewerkschafter, Intellektuelle und Aktivisten der traditionsreichen FORA spurlos verschwinden.
Der Grund für diese beispiellose Gewalt: Der Anarchismus attackiert nicht nur das Spitzenpersonal, sondern das Prinzip Herrschaft an sich. Er bedroht die Existenzgrundlage jeder herrschenden Klasse. Deshalb fürchteten und fürchten die Machthaber ihn wie keine andere Theorie.
Was wir als »Theorie« zählen lassen
Dass uns heute der Zugang zu anarchistischem Denken fehlt, liegt auch an unserem eigenen, bürgerlich geprägten Begriff von Theorie. Wir sind darauf konditioniert, Theorie nur dann zu erkennen, wenn sie als dicke, systematische Monografien von Einzelautoren im Regal steht. Der Marxismus passte perfekt in diese akademische und kapitalistische Verwertungslogik, weshalb er nach 1945 an den Universitäten institutionalisiert und durch Lehrstühle reproduziert wurde.
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Hab dieses Vorurteil tatsächlich noch nie gehört, aber trotzdem schöne Aufbereitung. (Vom Text ausgehend, hab das Video nicht gesehen)
@tofu Es ist wirklich so das Anarchisten oft vorgehalten wird das man sich doch zuerst einmal eine anständige Theorie zulegen sollte. Dafür gibt es ja inzwischen auch Ansätze. Aber das Video erklärt in meinen Augen sehr schön warum es historisch gesehen nur wenig entsprechende Literatur gibt.