Hier mal mein Senf zu Proxy:

Proxy spielt in einer Art Postapokalypse. Der Großteil der beschriebenen Welt ist eine mit Plastik gefüllte (scheinbar leblose) Wüste. Dem gegenüebergestellt ist Proxi, eine virtuelle Realität, zu der die drei Hauptcharaktere aber eine sehr unterschiedliche Beziehung haben.

Für Kawi ist Proxi fast mehr Zuhause als die echte Welt. Sie spielt einen Panther und fühlt sich in diesem Körper in gewisser Form wohler als in ihrem echten Körper. Dazu kommt eine Angst geschlossene Räume zu verlassen.

Für Monae ist Proxi ein Ort in dem sie sich als sie selbst ausleben kann. Ein Ort in dem sie sich als “ihr” Geschlecht zeigen kann.

Für Dion ist Proxi ein Gefängnis in das sie zur Bestrafung geschickt wird, wenn sie die “Aufgaben”, die Ihr gestellt werden, nicht bewältigen kann.

Als Proxi gehackt wird, machen sich die drei auf eine Art Roadtrip. Monae und Kawi hoffen Proxi wiederherstellen zu können, Dion versucht vor ihren “Besitzern” zu fliehen.

Die Gruppe durchläuft im Laufe ihres Abenteuers einen ziemlichen Wandel. Zu Beginn sind alle 3 ziemlich naive “Stadtkinder”, die Proto für eine tote Landschaft halten. Im Laufe der Zeit kommen sie mit immer mehr in Proto lebenden Kulturen in Kontakt, nehmen die Flora und Fauna von Proto wahr, kümmern sich um Vogelküken und ziehen eine Pflanze groß.

Auch menschlich entwickeln sich die 3:

Kawi schafft es zum Teil ihre Ängste in den Griff zu bekommen. Sie entdeckt eine Identität in Form einer Pflanze für sich, in die sie sich auch im echten Leben hereindenken kann.

Dion entdeckt die Welt außerhalb des Labors und von Proxi und ist gleichzeitig auf einer Selbstfindungsreise. Ist ein künstlich geschaffenes Wesen “menschlich”? Und wenn ja was bedeutet das? Gleichzeitig lernt sie mit den ganzen Umwelteinflüssen besser klarzukommen. Die “Shutdowns” wegen mentaler Überreizung nehmen im Laufe des Buchs ab. Ich finde gleichzeitig, dass Dion sehr neurodivergent gecodet ist. Sie kommt außerdem zu dem Schluss Proxi zerstören zu wollen.

Monae findet im Laufe des Buchs immer mehr zu ihrer Identität. Ich finde es gleichzeitig befremdlich, dass eine Transperson über quasi das ganze Buch hinweg mit Deadname und falschen Pronomen angesprochen wird. Vielleicht soll es ihre Entwicklung als “Egg” (also afaik. einer Person, die ihr Transsein noch nicht so ganz “durchstiegen” hat) darstellen, gleichzeitig ist sie in Proxi schon so eindeutig weiblich, dass das für mich schwer vorstellbar ist. An dieser Stelle fände ich es super spannend die Perspektive einer Transperson zu hören (falls wir eine im Buchclub haben, der_die sich dazu äußern möchte, fände ich das persönlich ziemlich cool). Ich lese Monae auch nicht als genderfluid. Ich habe speziell in der zweiten Hälfte des Buchs nie das Gefühl, dass sie “Tell” performen möchte. Und auch zu Beginn liest es sich für mich eher so, dass sie das ihr zugewiesene Geschlecht eher aus Not heraus performt.

Der Höhepunkt des Buchs ist mmn, als sie eine Gesellschaft an Biosynths finden, die die zentralen Server bewachen (und gleichzeitig aber einen leichten Schlag haben). Durch die 3 Protagonistinnen kommt es zu einer Verschmelzung aller virtuellen Realitäten, was den großen Unternehmen ein Stück weit die Kontrolle über selbige nimmt. Gleichzeitig kommt heraus, dass Dion die Person war, die Proxi gehackt hat.

Die Handlung gipfelt darin, dass Dions “Firma” die 3 einholt und Riia (den Biosynth, der die Welten miteinander verschmolzen hat) und Dion tötet. Durch den Begriff “töten” wird aber auch deren “Menschenartigkeit” herausgestellt. Eine Maschine wird zerstört nicht getötet. Ich war an dieser Stelle trotzdem genervt, dass die “nicht-normativen Charaktere” das Ende des Buches mal wieder nicht überleben (analog zu dem, dass das queere Couple meistens kein Happy End hat etc.). Es hat mich daher auch gefreut, dass Dion im Epilog wiederbelebt wird.

Ich finde den Epilog für das Buch insgesamt sehr wichtig. Monae zeigt sich als sie selbst nach außen und wird auch so benannt. Die drei Protagonistinnen bilden eine Art Brücke zwischen Europolis und den Communities, die in Proto leben. Die verschiedenen Pilze, Schwämme und Ameisen, die sie auf ihren Reisen gefunden haben, bieten zusammen eine Möglichkeit in Proto furchtbaren Boden zu erzeugen und damit eine Chance auf neues Leben und Renaturierung in der Wüste.

Ich fand das Buch insgesamt gut aber nicht großartig. Die Reise der drei ist interessant geschrieben. Die Frage nach Sinn und Unsinn, beziehungsweise Validität von virtuellen Welten im Gegensatz zur “Realität” ist super spannend. Das Deadnaming von Monae fand ich zum Teil schwierig. Der “Future”-Dialekt (Mucho, magniv, sprumi) ist zum Teil anstrengend zu lesen, ich wüsste aber auch nicht, wie man das besser macht. Den Aspekt, dass sich die Natur die Wüste zurückholt fand ich schön überlegt.

Ist Proxi mmn ein solar punk Buch? Jein. Klassischerweise beschreibt in meiner Wahrnehmung solar punk eine positive Zukunftsvision, in der die Menschheit ihre Probleme gebacken bekommt und z.B. den Klimawandel aufhält. Das ist in dieser Zukunft klar gescheitert. Die Menschheit ist ziemlich am struggeln, große Teile des beschriebenen Gebiets sind kaum bewohnbar. Gesellschaftlicher Fortschritt ist aber zum Teil vorhanden. Die Protagonistinnen struggeln gegen eine “Megacorporation” und auch Biosnyths sind eher ein Thema, das man in science fiction Literatur findet. Gleichzeitig erobert aber die Natur am Ende des Buchs ihren Raum zurück, was ziemlich solarpunk ist. Und auch die verschiedenen Communities, die in der Wüste überleben, könnte man als solar punk lesen.

Alles in allem ein Buch das klassische solar punk Themen eher anschneidet aber trotzdem mmn lesenswert ist.

Erfrischend fand ich ein Buch, das ohne männliche Protagonisten auskommt.

Kurzes Nachwort zur Review: Ich habe erst nach dem Schreiben die Autoryperson gegooglet und herausgefunden, dass Aiki Mira nichtbinär ist. Es ändert aber darauf, dass die “Monae”-Frage noch interessanter wird quasi nichts an meiner Review.

Wie habt Ihr das Buch wahrgenommen? Habe ich das Buch Eurer Meinung völlig falsch verstanden? Lasst es mich gern in den Kommentaren wissen.

  • luce@feddit.orgM
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    1 month ago

    Ich habe es tatsächlich geschafft das Buch auch zu lesen, und danke dir nochmal fürs organisieren! Ich hatte ähnliche Gedanken wie du, ich fand es gut aber es hat mich auch nicht komplett umgehauen, und ich bin auch ein bisschen zweifelhaft über Monae. Andererseits ist es auch spannend diese Entwicklung mitverfolgen zu dürfen. Und der Slang hat mich auch öfters verwirrt, ich hätte mir ein Glossar gewünscht 😅 aber ich würde denk ich gern irgendwann wieder was von der Autoryperson lesen, die Geschichte und Charaktere haben mir gut gefallen