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Cake day: July 2nd, 2024

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  • Doch die wahre Bedrohung für Pix kommt eben nicht aus Brasília, sondern aus Washington. Seit Juli 2025 setzt der amerikanische Handelsbeauftragte Jamieson Greer das südamerikanische Land unter Druck, und im Juni dieses Jahres stellte seine Behörde im Amtsblatt der US-Regierung fest: Brasilien benachteilige amerikanische Anbieter wie Visa und Mastercard, unter anderem durch die Bevorzugung seines »nationalen Champions Pix«.

    Die brasilianische Zentralbank, so der Vorwurf, führe sich als Aufseherin und Betreiberin zugleich auf. Sie stecke also in einem Interessenkonflikt. Sie zwinge die Banken zur Teilnahme und verbiete ihnen, Gebühren von Privatleuten zu nehmen. Dazu kommen weitere Vorwürfe, von laxer Korruptionsbekämpfung bis zur illegalen Abholzung. Seit Juli gilt in den USA deshalb ein Strafzoll von 25 Prozent auf rund 3.000 brasilianische Produkte. In Washington hat man Angst um die Finanzordnung – und den Dollar

    Flavio Bolsonaro wiederum, der in den Umfragen gleichauf mit Lula liegt, hat sich in Washington weit vorgewagt – gerade in Sachen Pix. Am 26. Mai ließ er sich von US-Präsident Donald Trump im Oval Office empfangen, wenige Wochen nachdem Lula dort gewesen war. Anschließend unterbreitete er der amerikanischen Handelsbehörde einen Vorschlag: Könnte man nicht einfach gesetzlich festschreiben, dass Pix nicht an »nicht westliche« grenzüberschreitende Verrechnungssysteme angeschlossen werde. Mit anderen Worten: Brasilien wolle Pix behalten, aber nur für den Hausgebrauch.

    Aus Bolsonaros Angebot konnte man nebenbei ablesen, worum es dem Weißen Haus wirklich geht: nicht um den QR-Code an der Saftbar und nur in zweiter Linie um die Gebühren von Visa und Mastercard. Die größte Sorge gilt dem Moment, in dem Pix, UPI und PromptPay über Grenzen hinweg zusammenwachsen, dem Tag, an dem sie in großem Stil an die chinesischen Systeme AliPay und WeChat Pay angeschlossen werden, die Konzerne dort unter strenger Aufsicht von Staat und Partei betreiben. In Washington hat man Angst, dass dann die westliche Finanzordnung ins Wanken gerät – und am Ende vielleicht sogar der Dollar.

    Trump hat früh klargemacht, wie ernst er das nimmt. Im November 2024, wenige Wochen vor seinem zweiten Amtsantritt, verlangte er eine ungewöhnliche Zusage. Die Brics-Staaten – also der Klub der großen Schwellenländer um Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, der inzwischen zehn Vollmitglieder zählt – sollten ihm versprechen, keine eigene Währung zu schaffen, die den »mächtigen US-Dollar« ersetzen könnte. Sonst drohten 100 Prozent Zoll. Wer es trotzdem versuche, könne »Hallo, Zölle« und »Auf Wiedersehen, Amerika« sagen, legte er im Januar 2025 nach. Als sich die Brics-Länder im Juli 2025 in Rio trafen, drohte er jedem Land, das sich dort »antiamerikanischer Politik« anschließe, mit zusätzlich zehn Prozent Zoll. Im Hintergrund gibt China den Ton an

    Aus der Luft gegriffen sind die Sorgen des US-Präsidenten nicht. »Jede Nacht frage ich mich, warum alle Länder ihren Handel auf den Dollar gründen müssen«, hatte Lula 2023 in Shanghai ausgerufen. Anlass war damals die Amtseinführung der früheren Präsidentin Dilma Rousseff als Chefin der Brics-Entwicklungsbank, und Rousseff forderte am nächsten Tag sofort, man müsse die Abhängigkeit »von einer einzigen Währung wie dem US-Dollar« verringern. Russlands Präsident Wladimir Putin, dessen Banken seit dem Überfall auf die Ukraine weitgehend vom globalen Zahlungsnetzwerk Swift abgeschnitten sind, klagte im Oktober 2024 beim Brics-Gipfel in Kasan: Der Dollar werde vom Westen »als Waffe eingesetzt«.

    Nur: Weit gekommen sind die Rufe nach einer gemeinsamen Währung bisher nicht. In Kasan beschlossen die Brics-Mitglieder bloß, die Machbarkeit einer eigenen Abwicklungsplattform zu »prüfen«. Sogar Putin machte einen Tag nach seiner Dollar-Schelte einen Rückzieher. Man wolle »vorerst kein separates gemeinsames System« erfinden; dieser Vorschlag war beim Gipfel am Widerstand anderer Mitglieder gescheitert, vor allem Indiens, der zweitgrößten Volkswirtschaft unter den Staaten der Gruppe. Indien war beim diesjährigen Gipfel Mitte September in Neu-Delhi der Gastgeber und lehnte dort erneut eine Brics-Währung ab. Das indische Außenministerium stellte klar, es gebe »derzeit keinen Vorschlag« für eine solche Währung.

    Im Hintergrund gibt ohnehin die Nummer eins der Brics-Staaten den Ton in der Währungsfrage an: China. Schon 2023 hatten die Regierungen in Brasília und Peking vereinbart, dass sie Handel auch direkt in Real und Yuan abwickeln können, ohne Umweg über den Dollar. Russland und China rechnen ihren Handel nach Putins Angaben inzwischen »zu fast 95 Prozent« in Rubel und Yuan ab. Der Anteil des in Yuan abgerechneten chinesischen Waren-Außenhandels hat sich seit 2021 auf rund 30 Prozent verdoppelt, so Berechnungen der finnischen Zentralbank.

    Und in Peking werden neuerdings die Prioritäten präzisiert. Statt die Debatte »Yuan oder Dollar« zu führen, solle China lieber »internationale Zahlungskanäle sichern« und sein Zahlungsnetz weltweit ausbauen, schrieb Xu Gao, Ökonom der staatlichen Großbank Bank of China. Was dabei entstehen könnte, ist viel praxisnäher als die hochfliegenden Pläne für eine neue Währung – aber für die amerikanische Vorherrschaft womöglich gefährlicher. Die Schwellenländer vernetzen sich enger – und Trump erhöht den Druck

    Seit Oktober 2025 können chinesische Touristen in Thailand mit ihrer gewohnten AliPay-App die PromptPay-Codes thailändischer Händler einscannen und auf diese Weise bezahlen: am Straßenstand mit gegrillten Shrimps in der prallen Sonne genauso wie im Luxuskaufhaus Emporium dahinter. Thailands Tourismusbehörde wirbt mit dem Slogan »Pay like a local« und richtet sich damit an Gäste aus neun Ländern und Gebieten, von China über Vietnam bis Südkorea. Sie alle sollen mit ihren heimischen Apps per QR-Code bezahlen können. Brasilien will sein Zahlungssystem sogar in Europa anschließen

    Thailand, seit Januar 2025 Partnerland der Brics-Gruppe und nach eigenem Bekunden auf dem Weg zur Vollmitgliedschaft, ist in der Frage der grenzüberschreitenden Zahlungsmittel ein Pionier. Die Bank of Thailand hatte 2021 das nationale PromptPay mit PayNow in Singapur verbunden. Nach Angaben ihres damaligen Gouverneurs war das die erste grenzüberschreitende Verknüpfung zweier nationaler Sofortzahlungssysteme weltweit. Ein Jahr später verabredeten die Zentralbanken der großen südostasiatischen Staaten, ihre Systeme Schritt für Schritt zusammenzuschließen.

    Indonesien hat seither sein QR-System QRIS mit Thailand, Malaysia, Singapur und Japan verbunden, im April 2026 kam China hinzu. Indiens UPI funktioniert bereits in neun weiteren Ländern. Indien, Malaysia, die Philippinen, Singapur und Thailand haben 2025 die Gesellschaft Nexus Global Payments gegründet, die ihre Sofortsysteme künftig verbinden soll.

    Brasilien schaut sogar über den Atlantik: Die Zentralbank prüft mit der Europäischen Zentralbank derzeit, ob man Pix mit Tips verbinden könnte, dem System, über das in der Eurozone die Sofortüberweisungen laufen.

    Ein neues Geld, eine Brics-Währung gar, wird so nicht geschaffen. Die nationalen Zahlungssysteme bewegen erst mal bloß die Landeswährung von einem Konto aufs andere – Real in Brasilien, Baht in Thailand. Wenn Zahlungen über Grenzen gehen, nehmen Banken üblicherweise den Umweg über den Dollar, weil es für den immer Käufer und Verkäufer gibt: Baht in Dollar, Dollar in Rupiah. An neun von zehn Devisengeschäften ist laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich der Dollar beteiligt.

    Aber bei jeder neuen Verbindung zwischen zwei Zahlungssystemen kann neu entschieden werden, ob der Umweg noch nötig ist. Zwischen Indonesien und China ist das schon nicht mehr der Fall: Rupiah und Yuan werden direkt gegeneinander abgerechnet, ohne Drittwährung. Und China baut derzeit viel Infrastruktur auf, damit das Beispiel Schule macht. An Cips, sein Gegenstück zum Bankennetz Swift, sind schon gut 210 chinesische und ausländische Banken direkt angeschlossen, das Netz reicht über indirekte Teilnehmer in 192 Länder und Gebiete.

    Gemessen am Dollar und den westlichen Zahlungssystemen, ist das alles noch klein. Es hat aber das Zeug zu einer Finanzrevolution, die an den Nudelküchen beginnt – weil jede neue Direktverbindung den Dollar ein Stück überflüssiger macht und eine Welt schafft, in der Amerika nicht mehr alle Wege kontrolliert, auf denen Geld über Grenzen wandert.

    In Washington hat man das verstanden, der Druck wird erhöht. Die US-Handelsbehörde kämpft nicht mehr nur gegen Pix, sondern hat im April in ihrem Jahresbericht auch Indiens System UPI als Problemfall aufgeführt. Amerikanische Zahlungsanbieter würden benachteiligt.


  • Zahlungssysteme in Schwellenländern: Der Feind an der Saftbar Thomas Fischermann 13 - 15 Minuten

    Die jüngste Herausforderung für die US-dominierte Weltordnung ist ein laminiertes Stück Papier. In Rio de Janeiro hängt es an den Saftbars neben der Preistafel, in Bangkok baumelt es an mobilen Nudelküchen, am Bahnhof von Bettiah im indischen Bundesstaat Bihar trägt ein Bettler es an einer Schnur um den Hals. Aufgedruckt ist ein QR-Code. Handy davor, einmal tippen, und man hat Geld überwiesen. Das dauert Sekunden, kostet Privatleute nichts, und kein amerikanischer Finanz- oder Kreditkartenkonzern verdient daran mit.

    In Brasilien heißt das System Pix und ist schon seit 2020 in Betrieb. Mehr als 90 Prozent der Erwachsenen benutzen es regelmäßig, und inzwischen laufen darüber mehr Zahlungen als über sämtliche Kredit- und Debitkarten zusammen. In Thailand werden mit PromptPay jeden Tag mehr als 75 Millionen Überweisungen gemacht. In Indien heißt das System UPI, in Indonesien QRIS, in Malaysia DuitNow, in Russland SBP.

    Als Initiatoren stehen die Zentralbanken dahinter, und in einigen Ländern sind sie auch gleich die Betreiber. Sie haben geschafft, woran die Geschäftsbanken zu wenig Interesse hatten, weil sie an langsamen Überweisungen und kostspieligen Kreditkarten gut verdienten: Geld fließt sofort, rund um die Uhr, umsonst. Das ist möglich, weil die Zentralbanken die Infrastruktur für solche Zahlungen zum Selbstkostenpreis tragen; die holen sie sich, je nach Land, mal über den Staatshaushalt, mal bei den beteiligten Banken zurück. Die großen Schwellenländer machen sich beim Bezahlen selbständig

    Das Ergebnis: Mancher Straßenhändler oder Tagelöhner, der bisher mit Bargeld lebte, hat sich jetzt ein Konto zugelegt. In Brasilien hat sich die Zahl der Menschen, die aktiv am Finanzsystem teilnehmen, zwischen 2018 und 2023 auf 152 Millionen fast verdoppelt. Die Zentralbank sagt, das liege vor allem an Pix.

    Die großen Schwellenländer, in denen heute rund 40 Prozent der Weltwirtschaftsleistung entstehen, machen sich also beim Bezahlen selbstständig – ohne großes Aufsehen, bis vor gut einem Jahr jedenfalls. Dann wurde es in Washington bemerkt. Und plötzlich gibt es gegen diese Zahlungssysteme jede Menge amerikanischen Druck.

    In Brasilien ist die Angelegenheit gerade hochpolitisch geworden: Am kommenden Sonntag wird dort der nächste Präsident gewählt, und eines der heißesten Wahlkampfthemen ist Pix. »Pix gehört Brasilien. Es ist öffentlich, es ist kostenlos, und das bleibt so«, ruft der Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva in einem Wahlkampfvideo, das er Anfang September veröffentlicht hat.

    Sein Herausforderer Flávio Bolsonaro hält dagegen: Das ganze System sei doch überhaupt erst unter seinem Vater, Jair Bolsonaro, Präsident von 2019 bis 2022, an den Start gegangen! Quasi ein politisches Familienerbe! Anfang 2025 hatten rechte Gruppen sogar das falsche Gerücht gestreut, die Regierung Lula wolle Pix-Zahlungen besteuern. Da stürzten Lulas Zustimmungswerte vorübergehend ab.